Wie in anderen neutestamentlichen Briefen auch endet der Hebräerbrief im letzten Kapitel mit Ermahnungen und Grüßen. Neben guten Ratschlägen für die Ehe und der Mahnung, gute Gastgeber zu sein, fordert der Verfasser die Gemeinden dazu auf, an Gefangene und Misshandelte zu denken. Warum tut er das so unvermittelt? Der Hebräerbrief ist ein Trost- und Mahnschreiben. Um 90 n. Chr. verfasst, sieht er in den jungen christlichen Gemeinden deutliche Anzeichen dafür, dass der christliche Glaube brüchig wird. Das Erwarten der Wiederkunft Christi wird für viele immer mehr zur Warterei, die mürbe macht. Vereinzelte Verfolgungen durch die Obrigkeit schrecken ab, Denunziationen und Schikanen der heidnischen Bevölkerung nehmen immer mehr zu. Es ist in dieser Zeit nicht einfach, ein guter Christ zu sein. Der Enthusiasmus der Anfangszeit lässt immer mehr nach, die gesellschaftlichen Nachteile überwiegen. In dieser Situation möchte der Hebräerbrief die Glaubensschwestern und -brüder trösten und dazu aufrufen, auf Gott zu vertrauen und fest im Glauben zu bleiben. Und eben an diejenigen aus den Gemeinden zu denken, die wegen ihres Glaubens im Gefängnis sind oder körperliche Misshandlungen erlitten haben.
Es ist ein Aufruf gegen das Vergessen. Seit Alters her ist es eine bewährte Methode von Diktaturen und autokratischen Herrschern, ihnen nicht genehme Menschen oder Oppositionelle in Gefängnisse zu werfen oder zu misshandeln. Sie sollen dadurch mundtot gemacht und vergessen werden. Man schaue nur nach Russland oder in den Iran. Der Aufruf des Hebräerbriefs ist demnach zeitlos und immer aktuell.
Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden haben wir vor ein paar Wochen die Stolpersteine für die jüdischen Opfer der NS-Zeit in Schiefbahn geputzt und dabei viel Anerkennung durch Passanten erfahren.
Amnesty International setzt sich seit Jahrzehnten für Verfolgte ein und arbeitet so gegen das Vergessen. Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger kümmern sich um Gefangene in unseren Justizvollzugsanstalten. Aber auch in unserem persönlichen Umfeld sollten wir Mitmenschen nicht aus dem Blick verlieren, die sich vielleicht wegen körperlichen oder psychischen Erkrankungen oder persönlichen Problemen zurückziehen und sich quasi selbst isolieren. Auch hier sollten wir aufmerksam sein und niemanden durch Gleichgültigkeit dem Vergessen anheimgeben. Nehmen wir uns die Mahnung des Hebräerbriefs zu Herzen. Üben wir auch hier christliche Nächstenliebe.
Pfarrer Joachim Schuler

