ANgeDACHT

„Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.“ (1. Korinther 1,18)

Das Titelbild zeigt die Hälfte einer Kugel. Darüber schwebt, schräg wie kippend, ein Kreuz.

Schwarz ist die Kugel, schwarz und rotbraun das Kreuz.

 

Ein Riss zieht sich durch die Kugel. Oder ist es ein Weg, der sich in scharfen Wendungen am Horizont verliert?

Durch die Welt geht ein Riss, das ist wohl wahr.

Zwischen Arm und Reich tut sich eine Kluft auf. Zwischen denen, deren Leben von Erfolg und Wohlstand gekrönt ist und denen, die immer nur verlieren, klafft eine tiefe Kluft.

Doch auch in einem Leben, das augenscheinlich erfüllt ist, das gelingt, gibt es Brüche und Risse, Abschiede und Enttäuschungen.

Zerrissen fühlen wir selbst uns auch, wenn das Leben uns Wunden schlägt, wenn wir trauern, leiden, verzweifeln.

Leben und Leid gehören zusammen. Zur Welt gehören ihre Verwerfungen und Risse, Ungerechtigkeit, Krankheit und Tod.

Und Gott?

Was hat er mit all dem zu tun? Hat er damit zu tun? Ist es sein Werk, dass durch die Welt ein Riss geht, dass ein Kreuz über der Schöpfung schwebt, sie unvollkommen, nicht erlöst ist?

Fragen über Fragen, die Menschen seit jeher beschäftigen und umtreiben.

Für die Gelehrten und Gebildeten der Zeit Jesu, für Griechen und Römer war die Botschaft vom Kreuz, die Botschaft von einem leidenden und sterbenden Gott in der Tat eine intellektuelle Zumutung, pure Dummheit.

Für den gläubigen Juden war es ebenfalls schwer vorstellbar, dass ER, der Schöpfer, der Unaussprechliche, der Unnennbare da am Kreuz hing.

„Torheit“ für die einen, Kraft und Weisheit für die, die glauben.

In der Tat ist die Botschaft von Kreuz und Auferstehung keine leichte Kost.

Mit dem Verstand durchdringen, erklären, begreifen lässt sie sich nicht wirklich.

Aber sie kann geglaubt werden.

Ich kann und darf darauf vertrauen, dass Gott dem Leid nicht unbeteiligt gegenüber steht.

Ich kann und darf darauf vertrauen, dass ihn die Risse, die durch die Welt und durch mein Leben gehen, nicht kalt lassen.

Gott hat am Kreuz Leid und Verzweiflung, Einsamkeit und Tod zu seiner Sache gemacht und ein endgültiges Wort dazu gesprochen: das Wort vom Kreuz.

Gott stellt sich dort an die Seite der Leidenden, Verzweifelten und Sterbenden. Er stellt sich an die Seite der ganzen noch nicht erlösten Schöpfung.

Das Kreuz im Bild scheint zu kippen, scheint zu fallen.

Am Ostersonntag kippt Gott die Macht der Nacht und des Todes, er durchkreuzt die Finsternis, weist Tod und Vergehen in ihre Schranken.

Das Wort vom Kreuz wird zum Wort des Lebens, der Gekreuzigte wird zum Auferstandenen.

 

Pfarrer Rolf Klein

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